Neues im Juli …

Liebe Freunde meiner Musik,

wie ihr sicher alle mitverfolgen konntet, ist die Situation im Bereich „Live Kultur Veranstaltungen“ trotz vermeintlicher Beruhigung der allgemeinen Lage nach wie vor unübersichtlich und sehr angespannt.

Ich möchte hier gerne (mit seinem freundlichen Einverständnis, danke, Wolfgang!) meinen Freund und Kollegen Wolfgang Buck zitieren, der die Sache in seinem Newsletter auf ziemlich einzigartige Weise – sehr sachlich, ohne Jammern und Klagen, sehr präzise – auf den Punkt gebracht hat:

„DIE LAGE: MIR GEHT ES GUT, DER KULTURBRANCHE ABER GANZ UND GAR NICHT

Wie ich schon vor drei Monaten gesagt habe: Wir, die Kultur- und
Veranstaltungsbranche, wir werden die letzten sein, bei denen wieder
“normale” Zustände sein werden. Niemand weiß, wann wieder Konzerte
stattfinden und Theater gespielt wird, so wie wir es kennen und lieben.
Ich kann das verstehen und unterstütze die vorsichtige
Gesundheitspolitik im Bund und in Bayern. Die Zahlen anderer Länder
zeigen, dass unsere Politiker in den entscheidenden Dingen sehr klug
gehandelt haben. Es hätte viel schlimmer kommen können.

Wir Künstler leben davon, dass das Publikum eng beieinander sitzt. Wir
leben von der Resonanz, von der Stimmung, vom Lachen, vom Mitsingen, von
der Nähe und sogar der Enge. Bei uns soll der Funke überspringen, aber
nicht das Virus. Es wäre für mich ein unerträglicher Gedanke, dass sich
während eines meiner Konzerte Leute anstecken und möglicherweise schwer
krank werden, nur weil ich als Künstler insistiere, endlich wieder
loslegen zu dürfen. Dass “alle wieder dürfen”, wir aber nicht, hat ja
seine Gründe. “Nicht immer ist “schnell” auch wirklich am schnellsten.

Ich verstehe aber auch ausgesprochen gut die Kolleginnen und Kollegen,
die sich wirklich in einer üblen wirtschaftlichen Situation befinden,
die ihre Mieten und ihr Essen nicht mehr bezahlen können, Theater und
Kinos, die kurz vor der Pleite stehen. Beleuchter, Tontechnikerinnen,
Kulturmanagerinnen, Tickethändler, Garderobenmitarbeiter, Maskenbildner,
Schauspielerinnen. So gut der Staat anderweitig reagiert hat, so oft er
beteuert, auch den Kulturschaffenden zu helfen, hat er die vielen
Soloselbständigen nicht wirklich im Blick. Während Mitarbeiter in der
Autoindustrie 60, 70 oder 80% Kurzarbeitergeld bekommen – was ihnen von
Herzen gegönnt sei – bekommen wir vielleicht und unter vielen
Ausschlusskriterien 3 x 1000 Euro. “Aber nicht, wenn…”. Das
Kleingedruckte der Ministerialbürokratie enthält mehr Ausschlussklauseln
als ausgefuchste Verträge in der Versicherungsbranche. Wir Künstler
leisten unseren gesellschaftlichen Beitrag, in dem wir die Füße still
halten, aber geholfen wird uns im Verhältnis zu anderen wenig. Viele
haben entweder gar keine Reserven oder packen ihre angesparte
Altersvorsorge an. Da würde sich ein Mitarbeiter bei Audi schön bedanken.

Wir Künstler (wie auch andere Soloselbständige) leben nach dem
einfachsten Geschäftsmodell, was es gibt: Wir spielen und bekommen dafür
Geld. Wenn wir nicht spielen – ob wir krank sind oder es gerade nicht
erlaubt ist – bekommen wir kein Geld. Ganz simpel. Keine Lohnfortzahlung
im Krankheitsfall, keine fortlaufenden Gehälter im Urlaub, keine
Arbeitslosenversicherung. Dieses einfache Modell eröffnet eine
wunderbare Freiheit in den künstlerischen Berufen. Aber was es in der
jetzigen Situation bedeutet, scheinen viele Politiker und
Ministerialbeamten nicht zu verstehen. Obwohl man auch unser
“Kurzarbeitergeld”, wenn man den politischen Willen hätte, es zu
berechnen, aus unseren Steuererklärungen ganz einfach ermitteln könnte.
Wir haben genauso wenig wie alle anderen die jetzige Situation
verschuldet. Unsere Auftragsbücher sind genauso voll wie die anderer.
Die Ungleichbehandlung, verbunden mit vagen Versprechungen, führen
manche Kolleginnen und Kollegen in Wut und Verzweiflung. Ich bin
solidarisch mit den gesundheitspolitischen Beschlüssen der Politik, aber
enttäuscht von ihrer mangelnden finanziellen Unterstützung (von
“Verständnis” allein können wir uns nichts zu Essen kaufen) für uns
Kulturschaffende. Und “stream doch mal was im Internet” und “wir stellen
einen virtuellen Hut auf” könnte man ja auch anderen Berufsgruppen
zurufen, die sich schön bedanken würden.

[….]

Ich persönlich? Ich freue mich auf Euch und auf Sie! Auf die Bühne, auf
das Publikum, auf die Musik. Aber ich kann auch noch gut durchhalten und
halte es zuhause ausgesprochen gut aus. Ich kann mir was kochen. Ich
weiß, wie ich die Kaffeemaschine bedienen muss. Meine Studioequipment im
Keller ist wieder aufgebaut. Die Terrasse lockt mit gutem Wetter. Ich
weiß oft nicht, was ich zuerst machen soll: Kaffeetrinken oder Gitarre
spielen. Die Stimmung bei mir persönlich ist, anders als die Lage der
Gesamtbranche, gelassen und ich bin zuversichtlich und weiß, dass da die
vielen wunderbaren Leute sind, die sich freuen, wenn ich und andere
wieder “dürfen”, ob heuer im Herbst oder erst irgendwann nächstes Jahr.
Und dass Sie uns bis dahin nicht vergessen haben werden. Ich muss nicht
jetzt auf Teufel komm raus auftreten, auch wenn es noch nicht an der
Zeit ist. Ich bekomme keine Heulkrämpfe oder Wutausbrüche, wenn mir
Konzerte um ein Jahr verschoben werden. Sondern ich genieße, was zu
genießen ist, und mach das beste aus der Situation. Man kann zur Zeit –
wie auch sonst im Leben – nichts erzwingen.“

Zitat Ende.

Dies nur als kleine Erklärung für all diejenigen, die (wie wir am Anfang der Geschichte naiverweise auch) davon ausgegangen sind, daß einem der umsatz- und personalstärksten Zweige der deutschen Wirtschaft, der Kultur- und Unterhaltungs-„Industrie“, doch sicher genauso geholfen wird wie den als „systemrelavant“ bezeichneten anderen Wirtschaftszweigen.

Ich schließe mich ausdrücklich Wolfgangs Worten an, in denen er betont, dass er nicht für sich selbst „jammert“. Nein, auch mir geht es gut auch ich weiß, wie ich meine Kaffeemaschine bedienen muss, ich habe auch noch Kaffee …. aber:

Wie geht es nun weiter?

Die gesamte Branche, alle die durch ihre Arbeit Kultur in irgendeiner Weise möglich machen, zerbrechen sich seit vielen Wochen den Kopf, auf welche Weise man unter Berücksichtigung der immer noch vagen Rechtslage und der ständig (und lokal) wechselnden Hygienevorschriften sinnvoll eine Veranstaltung durchführen kann.
Sinnvoll heißt in diesem Zusammenhang: so, dass nicht nur ein Künstler mal wieder auf die Bühne darf, um zu zeigen dass es ihn noch gibt, das Publikum in sehr ausgewählten und übersichtlichen Mengen mal wieder so etwas wie ein Live-Erlebnis hat (was mit dem, was Wolfgang beschreibt aber nichts zu tun hat), sondern auch der Tatsache Rechnung getragen wird, dass das für alle Beteiligten ein Beruf ist, von dem sie auch leben können müssen.

Die ungezählten Stunden, die Mitarbeiter(innen) von Agenturen, Veranstalter(innen) in Kommunikation mit Künstlerinnen und Künstlern zugebracht haben, Veranstaltungen, ganze Tourneen (mit der dazugehörigen Routenplanung, etc.) zu verlegen, umzubuchen, seien gar nicht groß erwähnt, die sind ja schon Geschichte.
Aber wenn es nicht möglich ist, diese bereits verlegten Konzerte etc. unter Bedingungen durchzuführen, die wenigstens nicht noch mehr Defizit bringen, ergibt das alles wenig Sinn.
Wenn der Autobauer keine Teile bekommt, baut und verkauft er keine Autos.
Wenn der Bäcker kein Mehl bekommt, gibt es kein Brot.
Wenn der Club kein Publikum bekommt, gibt es kein Konzert.

 

Inzwischen? Mache ich das, was ich die letzten Wochen und Monate schon gemacht habe. Ich versuche, diese eigenartige Zeit, diese verordnete Entschleunigung und was sie mit mir macht, zu betrachten und aus dem Erlebten und Erfahrenen neue Klänge entstehen zu lassen.
Sehr viel neue Musik ist schon fertig, aufgenommen in langen Sessions in meinem Studio, größtenteils nur an meinem Flügel, mit all der Zeit des Reflektierens die man sonst dazu gar nicht hat, unter ungewohnten Bedingungen (am Anfang durfte ja nicht mal der Klavierstimmer kommen …). Musik, die ich sehr mag und die mir ganz nah ist.
Ein paar Stücke müssen noch fertiggestellt werden, lasst euch überraschen.
Wie hat Wolfgang geschrieben? „Ich genieße was zu genießen ist und mache das Beste aus der Situation.“ Nun, ob es das „Beste“ wird vermag ich nicht zu beurteilen, aber sehr sehr schön wird es auf jeden Fall ….

Bleibt wie ich optimistisch … bis wir uns irgendwo wieder treffen, bei einem echten LIVEKONZERT!!!

Euer
Martin