Nachtrag …

Liebe Blogleserinnen und -leser,

danke für die vielen Kommentare, die mich auf verschiedenen Wegen erreichen. Es freut mich zu lesen, dass ich mit meiner Ansicht nicht alleine dastehe.

Ein paar Gedanken möchte ich noch anfügen, die sich durch die Diskussion über meinen letzten Blogeintrag und einige aktuelle Ereignisse aufgedrängt haben.

Vor einigen Tagen hörte ich im Radio von den Ergebnissen des neuen Autogipfels bei der Kanzlerin. Die finanziellen Hilfen für die Autoindustrie werden verlängert und ausgeweitet. Man kann geteilter Meinung sein, ob es sinnvoll ist, einen Industriezweig mit etlichen Milliarden zu unterstützen (der insgesamt rein von der Anzahl der gefährdeten Arbeitsplätze, dem alles rechtfertigenden Argument, in etwa dem Veranstaltungssektor entspricht), obwohl es dieser nachweislich über Jahrzehnte versäumt hat, die Zeichen der Zeit zu erkennen und sich entsprechend “aufzustellen”.

Aber wieso denkt eigentlich keiner drüber nach, dass man z.B. Konzertkarten oder Theaterkarten subventionieren könnte? Wenn man entscheidet, dass ein Veranstaltungsraum (dessen Betrieb auf eine gewisse Kapazität hin kalkuliert wurde) nicht voll besetzt werden darf, wäre es doch nur naheliegend, die nicht verkaufbaren Karten finanziell auszugleichen, sodass eine Veranstaltung nicht von vorne herein defizitär und damit eigentlich Unsinn ist.

Es gibt ja subventionierte Kultur. Das sind Häuser und Veranstaltungen, die so konzipiert sind, dass sie niemals wirtschaftlich sein können. Großer Aufwand an Personal, Logistik und Material – klar, da müßte die Opernkarte 400 € kosten, damit man das reinspielen kann. Schöne Sache, dass wir uns das seit vielen Jahrzehnten leisten und damit großartige kulturelle Ereignisse möglich machen. Aber warum eigentlich werden Theater, Bühnen und Veranstalter, die grundsätzlich so planen, dass die entstehenden Kosten auch reingespielt werden können, jetzt quasi bestraft, weil ihr Schaffen nach undurchsichtigen Kriterien leider nicht relevant genug ist um in den Genuss der öffentlichen Förderung zu kommen?

Apropos Genuss:
Die Bundesregierung hat gerade eine Reihe von Mini-Filmchen produziert, die wohl speziell der jungen Generation auf schmissige, witzige und vermutlich ironische Weise vermitteln soll, dass es ein großartiger Beitrag zum Wohl der Gesellschaft ist, wenn man jetzt zu Hause bleibt. Unter dem Häschtäg “besonderehelden” wird hier deutlich gemacht, dass alles, wofür uns unsere Eltern kritisiert, gescholten und förmlich verachtet haben – auf der Couch rumlümmeln, Fernsehen, Chips mampfen und genau GAR NICHTS machen – eine ganz tolle Sache ist.

Auf eine klebrig anbiedernde und zynische Art und Weise wird hier an die “Jugend” appelliert, doch jetzt mal abzulassen von der “never ending party”, mit der man sie bisher so gewinnbringend für Wirtschaft und Konjunktur ruhig gestellt hatte.
Wer die eigentlichen Helden der letzten Monate sind, bleibt unerwähnt.

Es drängt sich der Verdacht auf, dass diese Spots womöglich von einigen großen Lieferdiensten gesponsert werden (in einem Filmchen ist hinten schon der Pizzabote zu sehen…), was auch wieder eine schöne Sache ist, weil man auf diese Art ja vielleicht wenigstens dafür sorgen kann, dass die arbeitslosen Künstler , die jetzt als Ausfahrer arbeiten, ein bisschen Geld verdienen können.  Da das Online- und Internet-Bestell-Business ja zu den ganz großen Gewinnern der Krise zählt, ist sicher davon auszugehen, dass diese Gewinne auch bis nach unten durchgereicht werden …

Ich bitte meinen ungewohnt sarkastischen Ton zu entschuldigen, dieser ist vermutlich der Ungläubigkeit ob des rasanten Tempos geschuldet, mit dem gerade unsere Strukturen und Werte erodieren. Dieser Corona-Ausnahmezustand scheint gleichsam ein Katalysator zu sein für Entwicklungen, die eigentlich schon länger im Gange sind.

Schlimm genug, wenn der Boss von “Spotify”, dem wohl inzwischen größten Musik-Streaming-Anbieter, verkündet, die Zeit sei vorbei, in der Musikerinnen alle paar Jahre mal eine Platte veröffentlichen können und dann glauben, sie würden noch wahrgenommen. Im Gegenteil müsse jeder Musiker sein Publikum quasi täglich mit neuen Inhalten “bedienen”.
(am besten auf ebendieser Plattform, wie mir scheint, wo pro Klick auf einen Song beim entsprechenden Künstler, der Künstlerin, erstaunliche 0,3 Cent landen)

Noch schlimmer ist aber, dass Musikerinnen und Musiker sich zum Teil genötigt sehen, anscheinend in vorauseilendem Gehorsam oder aus purer Verzweiflung, ihre Kunst, ihr Schaffen, auch auf ihren eigenen Plattformen quasi als “Kunst on demand” anzubieten. Das heißt, indem der geneigte Kunde eine Art Abo erwirbt, bekommt er dafür regelmäßig Kunst geliefert. Auch die Variante “sag mir, wer du bist und ich mache dir DEINEN Song, dein Bild, dein Irgendwas” ist mir schon begegnet.
Damit wird Kunst endgültig zur reinen Dienstleistung. Der unabhängige, zunächst absichtslose kreative Prozess, das Aufnehmen, Wahrnehmen von Dingen, Situationen, Entwicklungen, die Umwandlung dessen in eine eigene künstlerische Aussage – in Bild, Schrift, Ton oder was auch immer – wird damit nicht nur erschwert sondern regelrecht verhindert.

“Wes Brot ich ess, des Lied ich sing …”

Ja klar, wird der ein oder andere sagen, so ist das Leben … und was ist denn so schlimm an einem Dienstleister?
Nun, gar nichts. Ich war mit großer Begeisterung viele Jahre als musikalischer Dienstleister unterwegs, habe auf den verschiedensten „Hochzeiten“ gespielt, bin damit und daran gewachsen und habe mir meine musikalischen Wanderjahre auf diese Art auch finanzieren können.
Bis zu dem Tag, an dem ich mich – in vollem Bewusstsein des damit verbundenen Risikos – dazu entschlossen habe, nur noch Musik zu machen, bei der ich mit dem Herzen dabei bin. Aus meinem Herzen heraus. In den offenen Raum in der Hoffnung auf offenen Ohren.
Es gab diesen Raum und ich habe dort offene Ohren und Herzen gefunden.

Wenn die Gesellschaft sich entscheidet, „dass das weg kann “, dann sollte sich nur jeder dessen bewusst sein.

Euer Martin