Inselsucht

In seinem Reisebuch über die Insel Rhodos “Reflections on a Marine Venus” schreibt der britische Autor Lawrence Durrell: “Unter den Notizen meines Freundes Gideon habe ich einmal eine Liste von Krankheiten gefunden, die bisher noch nicht in ein medizinisches System eingegangen sind. In der Liste fand sich auch die Bezeichnung ‘Islomania’ (Inselsucht) für ein seltsames, aber keineswegs unbekanntes Leiden, das manche Gemüter befällt. Es gibt, so pflegte Gideon zu sagen, Menschen, die keiner Insel widerstehen können. Das bloße Bewußtsein, sich auf einer Insel, einer kleinen, von der See umzingelten Welt, zu befinden, berauscht sie auf eine kaum zu beschreibende Weise.”
Definitiv bin auch ich von diesem Phänomen betroffen, zieht es mich doch regelmäßig auf irgendwelche entlegenen Eilande, je kleiner, je abgelegener, desto besser.
Vielleicht darf man das aber auch im übertragenen Sinne verstehen, und manch einer – so auch ich – sucht in Wahrheit nach einem Rückzugsort, überschaubar, begrenzt und abseits vom allgegenwärtigen Gepränge und Gewese. Oft finde ich aber meine Inseln in der Musik. Manche meiner Stücke sind tatsächlich Ergebnisse dieser inneren Inselsuche. Und der Effekt läßt sich reproduzieren, nützt sich nicht ab und bedarf keiner Erhöhung der Dosis. In diesem Sinne also eine Art nicht-süchtig-machende Droge.

Aber am Ende nicht zu vergleichen mit der Ankunft auf einer “echten” Insel, wie hier bei einer Reise auf einem Segelschiff zum kleinen Archipel St. Kilda, etwa 60 Seemeilen vor der schottischen Küste im Atlantik gelegen. Über 2000 Jahre bewohnt, vor ca. 80 Jahren endgültig verlassen, heute ein riesiger Brutplatz für Gannets (oder Guga, dt.: Basstölpel), war Hirta (so der alte Name) über Jahrhunderte das Eigentum des Clans der MacLeods. Die dort lebenden Menschen lebten hauptsächlich von der “Ernte” junger Seevögel aus den Nestern in den Klippen. ( Wikipedia hat hierzu Interessantes zusammengetragen …)

Das Gefühl der Reise und des Aufenthalts auf der Hauptinsel, den höchst ambivalenten Eindruck zwischen Verlorensein und Aufgehobensein, habe ich damals in mehreren Stücken verarbeitet, eines davon hat als “Ultima Dolcezza” mit einem Text von Pippo Pollina Eingang in unser SÜDEN-Programm gefunden.