Ich mach mir Sorgen ….

Liebe Freunde,

ich muß mir hier etwas Luft machen, weil ich mich wirklich (mal wieder) sehr dringend frage, wer sich eigentlich gerade über was (und warum) so aufregt.

Was ist passiert?

Ein junger Typ mit lustigen Haaren, Berufsbezeichnung „Youtuber“, bisher eher durch mehr oder weniger lustige Musikvideos in Erscheinung getreten, hat seinen Kanal genutzt, um an sein Publikum in seiner Sprache seine politische Meinung kundzutun.

Dazu hat er den Titel „Die Zerstörung der CDU“ gewählt, der alles mögliche bedeuten kann, aber ganz sicher nicht heißt: „Zerstört die CDU!“. (… es wird fälschlicherweise auch in seriösen Medien ständig über “das Video, in dem er zur Zerstörung der CDU aufruft” berichtet … )

Offenbar wurde dieses Video – unterstützt von einem gewaltigen Medienecho – inzwischen fast 13 Millionen Mal gesehen, offenbar aber nicht von den Leuten, die nun am lautesten protestieren.

Sieht man sich dieses Video an, schlägt (jedenfalls bei mir) Youtube in der Seitenleiste auch ein Video von Harald Lesch vor, einem sehr anerkannten und seriösen (dabei aber recht unterhaltsamen) Wissenschaftler: „Die Menschheit schafft sich ab“

Der Mann ist ein Informationsvulkan, er spricht frei und haut die Sachen nur so raus – übrigens ohne Quellennachweise, wie es z.B. Herr Rezo macht –, kommt in wesentlichen Punkten zu den selben Schlüssen (Klima), den selben Anklagen (Untätigkeit) und befleißigt sich nicht immer einer, sagen wir: untadeligen Wortwahl.

Warum regt sich eigentlich darüber niemand auf?

Weil er nicht explizit sagt, daß die momentan regierenden Parteien eine Verantwortung tragen? Weil man sich an die Aufrufe von Wissenschaftlern inzwischen gewöhnt hat und weiß, das verpufft ohnehin im Äther?
Weil man, im Gegensatz dazu, so völlig überrascht ist, daß die scheinbar so desinteressierte, unterhaltungssüchtige, orientierungslose Jugend plötzlich eine Meinung hat?
Und weil diese jungen Netz-Junkies ein Werkzeug in der Hand haben, mit dem sie womöglich bald mehr Leute erreichen als die Tagesschau?

Abgesehen davon, dass Herr Rezo kein Journalist ist und auch nicht vorgibt, einer zu sein, also jedes Recht hat, seine eigene MEINUNG – und wenn es sein muss, auch völlig unreflektiert – kundzutun, ist es interessant, dass das allermeiste von dem was er sagt, nicht wirklich widerlegt werden kann, so gut sind seine Quellen. Er mag manches verkürzen oder (in unseren Ohren) etwas flapsig formulieren, aber bewusst die Unwahrheit sagen, das tut er offenbar nicht.
(.. siehe auch ein paar „Faktenchecker“-Kanäle, die sich der Sache sogleich angenommen haben:

https://www.youtube.com/watch?v=trq74CcLVz0

https://www.youtube.com/watch?v=tNZXy6hfvhM

Wenn man das mit dem vergleicht, was die Leute, die sich jetzt so angegriffen fühlen, so von sich geben, dann hat er doch einen gewissen Vorsprung, finde ich.
(… nette Randnotiz dabei ist ja, daß die Vorsitzende einer Partei, die das Christliche im Namen trägt, schon bei der Anzahl der biblischen Plagen ins Straucheln gerät …. geschenkt …)

Was also passiert jetzt?

Meiner Meinung nach etwas Überfälliges, Wichtiges, Großartiges.

Das Phänomen der letzten Jahre, dass die tumben Stimmen immer lauter, die mahnenden, aufklärenden immer leiser wurden, scheint sich zu verändern.

Eine Generation, der man allgemein höchstens zugetraut hat, sich in Windeseile über soziale Medien zur nächsten Party oder Shoppingtour zu verabreden, außer der weltgrößten Selfie-Sammlung und dem jeweils aktuellen Outfit nichts im Kopf zu haben, diese Generation verschafft sich plötzlich Gehör.
Sie merkt, daß es sich anders, besser anfühlt, für eine Sache, für die eigene Zukunft einzustehen, als nur williges Werkzeug im großen „Kapitalozän“ (Zitat Harald Lesch) zu sein.

Mag es z.B bei „Friday for Future“ eine Menge Partyvolk gegeben haben, die einfach froh waren, dass mal was anderes passiert, so scheinen doch immer mehr davon zu spüren, dass es um etwas geht.
Und sie fangen an, die wunderbare (eigentlich auf grenzenlosen Konsum ausgelegte) Vernetzung für IHRE Interessen zu nutzen. Und das können sie anscheinend ganz schön gut, denn sonst würde nicht augenblicklich eine solche Panik ausbrechen bei denen, die immer noch glauben, sie seien irgendwie unantastbar.
Hilfloser geht es ja nicht mehr, wenn sogar über „Regeln“ zur freien Meinungsäußerung vor Wahlen spekuliert wird.

Da merken gerade einige (ich eingeschlossen), was für ein durchaus relevantes und mächtiges Werkzeug dieses Medium ist, das viele vielleicht unter „Phänomen der Unterhaltungs- und Spaßgesellschaft“ abgebucht haben.

Denn der Mann mit der lustigen Frisur wartet mit jeder Menge unbequemer Wahrheiten auf, deren teilweise Überspitzung lange nicht so gravierend ist wie die, für die andere zum Ministerpräsidenten gewählt werden.
Das kennt man zwar aus diversen Kabarett- und/oder Comedy-Programmen und Sendungen, da steht aber „Satire“ drauf und ist deshalb kurz lustig, dann aber vergessen.
Und zu sagen „der polemisiert ja nur, mit einer sachlichen Debatte hat das nichts zu tun“ reicht nicht aus, um sich aus der Verantwortung zu ziehen.
Denn gerade das Bemühen von Rezo, jede seiner Thesen mit (überprüfbaren) Fakten zu untermauern, zeigt meiner Meinung nach, dass es ihm nicht um reines „Abwatschen“ – mit möglichst großem Popularitätszuwachs – geht, sondern dass dieser Mann ein Anliegen hat und seine Popularität dafür nutzt, um dem Anliegen Gehör zu verschaffen.
Übrigens etwas, das man „etablierten“ Künstlern oder Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen, durchaus zugesteht.

Nachdem man mit Diskreditierungsversuchen, vermeintlich lustigen Gegenvideos (… die glücklicherweise nie gezeigt wurden ..), und schließlich staatsmännischen Ordnungsrufen nichts erreicht hat, versucht man nun, den Gegner in den „Clinch“ zu nehmen, das heißt durch Umarmung bewegungsunfähig zu machen.
Ja, das müsse man ernst nehmen, ja, da würden wichtige Themen angesprochen, die uns alle angehen, ja, vielleicht könne man sich sogar einmal unterhalten.

Was mich dabei nun wirklich beunruhigt, ist die Tatsache, das kaum einer die Chance in dem sieht was da passiert – und die Gefahr darin, diese Chance zu verspielen.
Es hat in der bundesdeutschen Geschichte bereits einmal eine Phase gegeben, in der junge Leute nicht mehr bereit waren, alles kritiklos zur Kenntnis zu nehmen, was ihnen vorgegeben wurde.
Damals hatte es mit der Verarbeitung der Vergangenheit zu tun.
Nun hat es mit der Zukunft zu tun. Und zwar mit einer Dringlichkeit, für die die Wortwahl auch bei Harald Lesch nicht explizit genug sein kann, denn es geht ja nicht darum, JETZT zu reden, sondern es geht darum, JETZT etwas zu tun.

Damals, in den 1970ern, hat das immer stärker werdende Gefühl, nicht wahrgenommen, nicht ernst genommen zu werden, bei manchen langsam zu einer Radikalisierung geführt. Die Ohnmacht lies die Menschen glauben, wenn Reden nicht hilft, dann hilft nur Gewalt.

Das Ergebnis war der Deutsche Herbst.

Ich mache mir Sorgen.

Euer Martin