Gutes und weniger gutes …

… wechselt sich derzeit munter ab. Sehr sehr schöne Konzerte gab’s, in Zwingenberg (Südhessen), Geislingen (Baden-Württemberg), Hanau (Hessen), von denen ich unten ein paar kleine Impressionen angehängt habe. Ich zehre von jedem Abend, den ich mit meiner Musik auf einer Bühne verbringen kann. Dafür ist teilweise ein gewaltiger Mehraufwand von allen Seiten erforderlich, Bestuhlungsplan, Platzkarten, Sitzreihen rein oder raus, Absperrungen, Kontrollen und vieles mehr. Ich bin sehr dankbar, dass die Konzerte trotzdem stattfinden konnten.

Es gibt (ob der unübersichtlichen Lage) aber auch weitere Absagen oder Verschiebungen. Zunächst betrifft das die Stadthalle in ERDING am Donnerstag, 18.11.21. Ein neuer Termin wird gerade gesucht und bestimmt auch bald gefunden!

Das ist sehr schade und von mir wirklich nicht gewünscht, aber ich kann es manchem Veranstalter auch nicht verdenken, dass er momentan das gegebene Risiko und auch den erwähnten Mehraufwand nicht in Kauf nehmen kann und will.  Niemand weiß grad genau, was wo gilt und welchen Aufwand es dann in der Praxis bedeutet, ein Konzert zu besuchen – und welches Vergnügen es dann bringt, am Ende 2 Stunden mit einer Maske rumzusitzen, ist auch die Frage.

Das macht natürlich für Musikanten und Veranstalter die Lage auch nicht besser, die damit kämpfen, dass zum Teil lang schon verkaufte oder reservierte Karten gar nicht abgeholt werden, dass die eh schon reduzierten Kapazitäten in den Theatern gar nicht ausgeschöpft werden.

Klar, die Lage ist komplex und unbefriedigend, aber ich halte es mit Sarah Bosetti, wenn es darum geht, möglichst nicht zu pauschalisieren und eine einfache Erklärung für etwas zu suchen, was immer noch und immer mehr sehr komplex und zudem nicht gänzlich erforscht ist, möglichst nicht anzuklagen, wo es keine wirkliche Schuld gibt.

Wir sind es gewohnt, im Falle einer Krise (bei uns eh selten genug) zu fragen: Wer ist verantwortlich? Was tun wir um die Situation zu verändern, bzw. wie stellen wir die “normale” Situation wieder her? Wer kommt für unsere Schäden, Einbußen und Verluste auf?
Wir sind es nicht gewohnt, dass es womöglich Situationen gibt, in denen all diese Fragen schlicht nicht beantwortet werden können. Das erfüllt uns mit Entsetzen, denn wir verlieren die Kontrolle, die gehabt zu haben zwar ohnehin eine Illusion war, aber gemütlich eingerichtet hatten wir es uns darin schon.

Manchmal glaube ich, wir werden durch diese Pandemie gerade aus unserem Elfenbeinturm geworfen. Uns wird gerade langsam und grausam klar, dass “Krise” in der Menschheitsgeschichte eher die Regel als die Ausnahme war – und unsere Lebensbedingungen in den letzten 70 Jahren eher die Ausnahme als die Regel.

Ich möchte mich deshalb nach wie vor zurückhalten mit Kritik an Maßnahmen und Einschränkungen, deren Sinn oder Unsinn im Einzelnen sicher zu diskutieren ist, die aber alle versuchen, einer Lage Herr zu werden, die in ihrer Tragweite schon sehr weit in unser Leben reicht. Man soll nur mal dieser Tage versuchen, einen Angehörigen mit einer schweren Erkrankung in einem nahegelegenen Krankenhaus unterzubringen und – so das gelingen sollte – ihn dann dort zu besuchen.

Richtig. Wir kennen diese Pandemie nun eineinhalb Jahre. Wir haben bereits einmal erlebt, wie sehr Herbst und Winter die Situation beeinflussen. Wir diskutieren seit über einem Jahr, dass alles mit einem funktionierenden medizinischen System inklusive Pflegepersonal steht und fällt.

Man hätte – nicht nur in Bezug auf eine 4. Welle sondern vor allem um die vollmundigen Versprechen einzuhalten – dieses System stärken, ausbauen, vom Diktat der Rentabilität befreien und die dort arbeitenden Menschen entlasten können und müssen.
Man hätte die Menschen, die als am meisten gefährdet erkannt wurden, bereits viel früher ein drittes Mal impfen und damit vor schwerer Erkrankung schützen können und müssen.
Man hätte, spätestens seitdem im Frühsommer die sehr akute Phase erst einmal vorbei schien, sehr viel breiter und offener über mögliche Fehler, mögliche andere Strategien und vor allem die Relation zwischen dem was man verhindern will und dem was man damit andererseits anrichtet, diskutieren können und müssen.

Tatsächlich waren und sind aber nicht einmal des “Querdenkens” völlig unverdächtige Leute, die lediglich ein paar sehr naheliegende Fragen stellen um diese nötige Diskussion in Gang zu bringen, nicht davor gefeit, sofort und sehr pauschal in den großen Topf der “Impfgegner und Verschwörungstheoretiker” geworfen zu werden – was schon deshalb paradox ist, weil man ja nur das Maßnahmen-Durcheinander, die Unentschiedenheit, die parteitaktischen Scharmützel und die daraus resultierende Verunsicherung betrachten muss, um zu wissen dass es so etwas wie “die gesicherte Erkenntnis” wohl nicht gibt. Das Ergebnis ist dann, dass man Menschen, die unsere Freiheit in Gefahr sehen, sich gegängelt und unterdrückt fühlen und der Meinung sind, man dürfe in diesem Land ja nicht mehr sagen was man denkt, jede Menge Argumente liefert.

Man hätte, man hätte …. hat man aber nicht – oder nicht ausreichend. Daran sind wir alle ein wenig mitverantwortlich, zu bereitwillig haben wir den Sommer als Entwarnung interpretiert und doch irgendwie letztlich gedacht “… das war’s … das haben wir hinter uns …”. Jetzt stellen wir fest, wir haben uns getäuscht und wir müssen doch noch eine Weile auf Dinge verzichten, die uns immer so selbstverständlich schienen und auf die wir ja auch irgendwie ein Recht zu haben glauben. Das fällt uns nicht leicht und wir sind ungehalten … vieles nervt einfach unglaublich.

Denn es scheint eben einfach sehr viel verloren zu gehen, irreparabel, unwiederbringlich. Ich selbst habe an dieser Stelle schon den Verlust von KUNST und KULTUR beklagt und zu allen Verlusten und Verwerfungen kommt auch noch, dass man es offenbar auch erst wieder lernen muss, das Haus zu verlassen und sich in Form eines Konzert-, Museums- oder Theaterbesuchs mal eine andere Sicht der Dinge zu Gemüte zu führen.

Neben allen Unannehmlichkeiten, Einschränkungen, Verschiebungen (die im Einzelfall alle schmerzlich und oft tatsächlich unnötig sind) – sollten wir nicht versuchen, wenigstens die KUNST des einander Zuhörens, die KULTUR des Gesprächs nicht zu verlieren? Sollten wir uns nicht vielmehr in der Tugend des Nachdenkens und Abwägens üben, als uns sofort und über alles Mögliche zu empören? Sich empören scheint – weil einfach und zumindest nach innen wirkungsvoll – der neue Volkssport zu sein, Instrumente dafür gibt es ja genug.

Ich tue mich schwer mit der Empörung.

Wenn mir einer sagt, er fragt sich, warum er als kerngesunder Mensch, der aber nicht geimpft ist, mit einem negativen Test mein Konzert nicht besuchen darf, er es als geradezu zynisch empfindet, wenn man ihm sagt, er laufe Gefahr, sich dort halt bei einem zwar geimpften, aber nicht getesteten Menschen anzustecken, schwer zu erkranken und dann die Intensivstation zu blockieren, kann ich ihn verstehen.
Ich kann aber auch verstehen, wenn mir einer sagt, er habe darauf vertraut, dass er als geimpfter Mensch weitestgehend wieder das machen kann was er gern möchte, diese Freiheit nun aber eingeschränkt sieht durch eine relativ kleine Gruppe von Leuten, die der Meinung sind, das Ganze habe mit ihnen nichts zu tun, die zwar den solidarischen Beitrag zur Gesellschaft in Form einer Impfung ablehnen, den solidarischen Beitrag der Gesellschaft inform einer Behandlung im Krankenhaus dann aber gern annehmen.
Die zwei Enden einer Skala, auf der es noch sehr viele Zwischentöne gibt. Ich strenge mich sehr an, alle diese Zwischentöne zu hören und zu verstehen. Aber ich muss gestehen, es fällt mir immer schwerer, Argumentationen zu folgen, die letzlich einen ganz eigenartig Ego-zentrierten Freiheitsbegriff und einem von der Gemeinschaft erst ermöglichten und getragenen Individualismus das Wort reden.

 

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Warum schreibe ich das alles?

Nun, seit etwa eineinhalb Jahren versuche ich, mir eine fundierte Meinung zu bilden. Ich habe unglaublich viel gelesen (außer auf den “sozialen” Medien, denn dort bin ich nicht zu Hause), verstehe einiges – und vieles immer noch nicht. Mit denen die in dieser Zeit Entscheidungen treffen (müssen) möchte ich nach wie vor nicht tauschen, wiewohl ich sie auch kritisiere (vor allem wenn die Instrumentalisierung der Krise zum Machterhalt- oder ausbau allzu offensichtlich ist). Aber den Punkt erreichen, wo ich sagen kann “so ist es und folgendes muss nun gemacht werden!”, konnte ich nicht. Das gilt sowohl für die gesamte Situation als auch für das weite Feld unseres Kulturbetriebs.

So befinde ich mich in der merkwürdigen Situation, eigentlich nur noch RE-agieren, kaum mehr Agieren zu können. Ein Zustand, der für mich und meinen Beruf sehr ungewöhnlich ist. Ich kann eigentlich nur abwarten, ob und wenn ja unter welchen Bedingungen ein Konzert stattfindet. Die einzige Möglichkeit, wirklich aktiv zu handeln (“proaktiv” sagt man wohl …) wäre, zu sagen: der Zustand ist unbefriedigend, ich gebe erst wieder Konzerte, wenn diese für ALLE unter annehmbaren Bedingungen wieder möglich sind.
Das ist aber aus mehreren Gründen der falsche Weg.

Zunächst wäre da meine unbändige Lust, meine Musik auf die Reise zu schicken, auf den Bühnen zum Klingen zu bringen … zu spielen. Nun ja, das ist ziemlich egoistisch und sollte im Moment nicht der maßgebliche Grund sein.
Es gibt da aber auch wirklich ein großartiges Feedback von so vielen Leuten, die einfach wieder LIVE Musik hören möchten und sich von den Umständen nicht irritieren lassen.
Und schliesslich sind da die Agenturen, die Veranstalter, Mitarbeiter in allen möglichen Bereichen, die so viel Energie investieren, dass unser Veranstaltungswesen nicht stirbt, die unter widrigsten Bedingungen immer noch Veranstaltungen möglich machen, dabei in vielen Fällen draufzahlen und trotzdem nicht aufgeben.

Argumente genug, um nicht den Kopf in den Sand zu stecken, sondern meinen Teil dazu beizutragen, dass sich die Szene wieder (langsam) erholt.

Allerdings wird das in absehbarer Zeit auch heissen: Nicht alle Konzerte finden zur Zufriedenheit aller oder sogar mit Beteiligung aller statt. Es ist einfach nicht anders möglich gerade und immer noch besser als … GARNIX!
Deshalb bitte ich um Verständnis, Solidarität und einen langen Atem … den wir alle brauchen werden. Ich werde nicht müde, meinen Freund Werner zu zitieren … “AUFGEHM WERD AM SCHLUSS!!”.

Danke
euer Martin

 

Fotos: Kirsten Willenbücher (Theater Mobile Zwingenberg) & privat