Gedanken …

Liebe Kulturfreundinnen und -freunde,

ich möchte euch gerne einige Gedanken mitteilen, die mich dieser Tage so beschäftigen. Eine kleine Bestandsaufnahme.

Seit 10. März 2020 bin ich faktisch quasi arbeitslos. Ich konnte im Oktober zwei (in Worten: ZWEI) Konzerte spielen, eines vor 40, ein zweites vor 50 Leuten – mehr waren jeweils nicht erlaubt. Alles andere wurde abgesagt oder verschoben, teilweise schon zweimal.
(was dies für die beteiligten Agenturen und Veranstalter bedeutet, die die Arbeit doppelt oder dreifach haben, aber natürlich genau wie ich erst etwas verdienen, wenn das Konzert stattgefunden hat, muss ich gar nicht weiter ausführen – und wie viel das dann bei 40 Zuschauern ist, kann man sich ungefähr ausrechnen)

Gut, ich konnte mich still beschäftigen, habe viel Zeit im Studio verbracht, eine schöne Platte gemacht. Glücklicherweise kann ich auch noch von unserer SÜDEN-Tour zehren, die sehr lang und auch sehr erfolgreich war, auch wenn wir sie nicht ganz fertig spielen konnten.
Daher also kein Grund zum Jammern, mir ist vollkommen klar, dass andere Menschen ECHTE Gründe haben, in diesen Tagen zu verzweifeln.

Ich bin weit davon entfernt, die Ursache dieses ganzen Ungemachs anzuzweifeln. Ich kenne genügend Menschen, die in der Medizin oder der Pflege tätig sich, denen ich vertraue und die nicht müde werden zu betonen, dass dieses Virus überhaupt kein Spass und weit mehr als nur eine “normale Grippe” ist.

Auch glaube ich nicht an finstere Mächte, die das Ganze inszeniert haben, um uns zu kontrollieren, zu manipulieren und zu steuern … naja, generell glaube ich schon an solche Mächte, und die tun das ja ganz ohne Corona schon seit vielen Jahren immer erfolgreicher, indem sie uns mit allerlei Geräten ausgestattet haben, die uns und unsere Aktivitäten bis in den Schlaf verfolgen. George Orwell hätte nicht im Traum an das gedacht, was mittlerweile möglich ist und auch schon passiert. Dass die großen Internetkonzerne, die internationalen Firmenkonsortien nun von der Krise zu profitieren versuchen, ihre Mechanismen verfeinern und perfektionieren, wen wundert’s?

Das ist aber keine Verschwörung, das sind die “Gesetze des Marktes”, konsequenter und schrankenloser Lobbyismus sowie hemmungslose Gier. Das ist inzwischen leider völlig “normal”.
Auch die Verquickung bzw. teilweise Abhängigkeit von Politik von den großen “Playern” ist bekannt und nicht weiter verwunderlich, allerdings kann ich mir keine deutschen Politiker vorstellen, die das kriminelle Format hätten, eine Diktatur zu errichten, auch wenn einige aus der Kategorie “ich will Kalif werden anstelle des Kalifen” sich gerade allzusehr an eine beinahe unantastbare Machtfülle zu gewöhnen scheinen. Auch das verwundert nicht.

Über einige Dinge allerdings wundere ich mich schon. Zum Beispiel über die Wiederauferstehung der Solidargemeinschaft. Großartigerweise wird kaum etwas im Moment so wuchtig propagiert wie die Sorge um die Schwächsten in unserer Gesellschaft. Wobei sich diese Sorge allerdings nur auf die mögliche Infektion mit dem Covid19-Virus beschränkt. Dies ist verwirrend und wirkt teilweise etwas heuchlerisch, wurden und werden doch im Sinne des Wachstums-Mantras und der Gesetzmässigkeiten einer Gewinnmaximierungsgesellschaft die Schwachen immer mehr an den Rand gedrängt, Statisten im Wettlauf um die Wertschöpfung.

Rätselhaft finde ich auch, dass die Legitimation der in der jüngeren Geschichte einzigartigen Einschränkungen der persönlichen Bewegungs- und Handlungsfreiheit eigentlich auf breiter Basis diskutiert werden müsste und könnte … aber nicht wird.
Die Erkenntnisgewinnung in dieser Sache scheint weitestgehend Konsens, exponentielles Wachstum und Inkubationszeit sind unschlagbare Argumente.
Dass dies Verschwörungsüberlegungen und Unwillen bis hin zur Aufkündigung oben genannter Solidarität hervorbringt, liegt auf der Hand.

Was mich aber naturgemäß am meisten umtreibt, und inzwischen wirklich mit größter Sorge erfüllt, ist die sich langsam (und immer noch ungläubig) einstellende Erkenntnis, dass es großen Teilen der Entscheider in diesem Land wirklich KOMPLETT EGAL zu sein scheint, dass wir uns hier gerade von einem essenziellen Teil unserer Identität verabschieden.

“Deutschland ist eine Kulturnation”, “Beethovenjahr”, “Kulturhauptstadt XY”, die “abendländische Kultur” … ein jeder schmückt sich mit Attributen, die eine Nähe zu geistigem und kreativen Reichtum erkennen lassen sollen – bis hin zum Abo bei den Wagnerfestspielen –, die aber anscheinend nur zu vertuschen suchen (und das inzwischen gar nicht mal mehr so gut), dass Kultur als reine Unterhaltung, als angenehme, aber nicht notwendige Zerstreuung wahrgenommen wird, auf die wir in diesen Zeiten leider mal verzichten müssen.

Selbst die Lippenbekenntnisse der letzten Wochen, dass die Menschen in dieser schweren Zeit ja auch mal wieder eine Ablenkung bräuchten, zeugen davon, dass der wahre Wert, die wahre Funktion von Kunst und Kultur, nämlich die Erkundung und Erforschung der Untiefen unserer Gesellschaft, das Interpretieren und auch Karikieren der Mechanismen unseres Zusammenlebens, der ständig zu erneuernde Versuch der Deutung unseres Daseins, nicht erkannt, nicht gewürdigt, oder noch schlimmer, nicht gewünscht wird.

 

“Wo die Kultur stirbt, beginnt die Barbarei.” (Heinrich Böll)

 

Künstler, Kulturschaffende, Veranstalter, Agenten, Mitarbeiter auf allen Ebenen des kulturellen Lebens werden seit nahezu 8 Monaten kaltgestellt, mit Alibiveranstaltungen und Unterstützungsversprechen vertröstet, mit teils fadenscheinigen finanziellen Hilfsprogrammen in die Irre geführt. Wer einmal versucht hat, zu verstehen, ob er überhaupt berechtigt ist, einen Unterstützungsantrag zu stellen, und wenn ja, wie dieser Antrag zu stellen ist, weiß was ich meine.
Viele zeigen auch hier wieder größte Flexibilität, Anpassungsfähigkeit und Fantasie. Es wurden und werden neue Formate erfunden, die alle bestehenden Möglichkeiten ausschöpfen und dabei alle bestehenden Regeln einhalten. In vielen Fällen allerdings wird mit diesen oftmals überhaupt nicht wirtschaftlichen Versuchen, die Kultur am Leben zu erhalten nur erreicht, dass der Eindruck entsteht, dass “die” sich ja mal wieder irgendwie selber helfen und – noch besser – ja doch alles irgendwie weiter geht.

Zum Verständnis am Beispiel KONZERTE: wenn in einem Saal normalerweise 1000 – 2000 Menschen Platz finden, waren es je nach Hygienekonzept nun maximal 200. So spielten also die Künstler, die sonst diese Säle füllten, vor 200 Leuten, die sonst vor 250 Leuten spielten, vor 40 oder 50. Alle anderen … gar nicht mehr.
(alles unter der Voraussetzung, dass dies – wie man so schön sagt – “finanziell irgendwie darstellbar” war)

Bis November. Dann … ALLE … GAR NICHT MEHR.

Tausende von Menschen, die in dieser Branche arbeiten, sind es gewohnt, sich um sich selbst zu kümmern, organisieren sich und ihre Arbeit selbst, schreien normalerweise nicht nach dem Staat, zahlen aber ihre Steuern, sind es gewohnt, auch mal keine Arbeit zu haben, gehen dann nicht zum Amt, wissen, es wird wieder anders, dann gleiche ich das aus. In Phasen mit Arbeit wird gearbeitet bis zum Umfallen, da schaut keiner auf die Uhr.
In der Regel ist das eine Branche, die sich selbst hilft und nicht fordert. Auch deshalb war aus dieser Ecke wohl lange nichts zu hören.

Aber wenn nun ausgerechnet diesem aktiven, selbstverantwortlichen, kreativen und SYSTEMRELEVANTEN weil LEBENSWICHTIGEN Teil unserer Gesellschaft das Wasser abgedreht wird, mit der Begründung, irgendwo müsse man ja einschränken, kann man vielleicht auch irgendwann nicht mehr anders, als dahinter eine unglaubliche Ignoranz oder vielleicht doch einen finsteren Plan zu vermuten.
Da muss man vielleicht auch Verständnis aufbringen für allerlei scheinbar sehr “unvernünftige” Verhaltensweisen bei Menschen, die seit Monaten schlicht GAR NICHTS mehr verdient haben, obwohl sie in der Regel genau so viel arbeiten wie vor dem ersten Lockdown, viele sogar noch mehr.

Die Konsequenz ist und wird sein, dass sich mehr und mehr Personen, die es gewohnt sind, diese Gesellschaft mitzugestalten, über die Belange und Bedürfnisse der Menschen, über die Bedingungen und Anforderungen unseres Zusammen-Lebens mitzudiskutieren, abwenden und als kreativer Quell der Erkenntnis nicht mehr zur Verfügung stehen.
Manche wohl aus schierer wirtschaftlicher Not oder Notwendigkeit.

Was für ein Verlust.

Ich schreibe all diese Zeilen, weil ich festgestellt habe, dass der Mehrheit meiner Mitbürger die Situation von Selbständigen und Freischaffenden schlicht nicht bewusst ist.
Die wenigsten können sich vorstellen, dass es Menschen gibt, die niemals genau wissen, was sie im nächsten Monat auf dem Konto haben werden – und diesen Zustand im Prinzip sogar gut finden. So gut jedenfalls, dass sie ihn für die daraus resultierende Freiheit gern in Kauf nehmen.

Noch immer sind ganz viele sehr kreativ, wenn es darum geht, Alternativen zu finden. Aber für noch viel mehr gibt es keine Alternative, weil ein Beleuchter nicht im Homeoffice arbeiten kann, weil ein Agent sinnvollerweise nur Konzerte und Tourneen buchen kann, die auch stattfinden, weil ein Tourneeleiter nur eine Tour leiten kann, die auch stattfindet, weil ein Tontechniker nur ein Konzert mischen kann, das stattfindet.
Weil ein Künstler, dessen Kunst von Spontaneität und Interaktion lebt, keine Online-Vorstellung geben kann.
Weil die Vorstellung, man könne bestimmte Arten von Kunst, Musik, Literatur, auf Bestellung für den “Kunden” direkt und online anbieten, völlig absurd ist.

Weil die Vorstellung, z.B. ein Orchestermusiker könne einfach mal ein halbes Jahr etwas anderes arbeiten und danach mit den gleichen Fertigkeiten, dem gleichen Können wieder weiterspielen wie vorher, vollkommen unrealistisch ist.

Es schien von Anfang an klar und allgemeiner Konsens zu sein, dass man nun nicht einfach Tausende von Arbeitnehmern und Arbeitnehmerinnen nach Hause schicken kann, weil es keine Arbeit gibt oder diese nicht gemacht werden darf, und diese dann sehen sollen, wie sie irgendwie zurecht kommen, ihre Miete bezahlen, ihre Familien ernähren, etc..
Aus einem Grund, der sich mir allerdings einfach gar nicht erschließt, glaubt man aber, mit Künstlern, Künstlerinnen und insgesamt ebenfalls Tausenden von Menschen, die in der Veranstaltungs- und Kulturbranche tätig sind, könne man das schon machen.

Der Fairness halber muss man erwähnen, dass schon vor einigen Monaten ein großes Hilfspaket für unsere Branche zur Verfügung gestellt wurde.
Allgemeine Verwunderung herrscht ob der Tatsache, dass ein großer Teil dieser Mittel gar nicht in Anspruch genommen wurde – was schlicht an der Tatsache liegt, dass die Hürden und Ausschlusskriterien derart umfangreich waren, dass kaum mehr jemand blieb, für den diese Hilfen überhaupt in Frage kamen.

Wenn also nicht bald ein paar von den Milliarden (!), die ständig “mit der Bazooka” über alle möglichen Branchen verteilt werden, bei Künstlerinnen, Freischaffenden, Selbständigen, Clubbesitzern, Veranstalterinnen, Bookern, Technikerinnen, etc. etc. ankommen, wird schon sehr bald nicht mehr viel von unserer Kultur-, Veranstaltungs- & Clubszene (um die uns übrigens viele Länder beneiden) übrig sein.

Viel lieber als die Milliarden wäre allerdings den allermeisten, wenn sie einfach wieder ihrem Beruf nachgehen dürften.

Es gibt Möglichkeiten und Wege, wie man das hinbekommen kann, ohne das Infektionsrisiko nach oben zu treiben, das wurde bereits bewiesen.

So beschliesse ich also diesen (zugegeben, etwas längeren) Eintrag mit der Hoffnung, dass es irgendwann wieder einigermassen normal zugehen wird – ich verweigere mich der Aussage, dass man sich an das “neue Normal” gewöhnen müsse – und wir uns dann bei einem schönen Konzert wieder sehen.
In der Zwischenzeit, in der guten Hoffnung, die Menschen mögen in ihren Wohnzimmern auch weiterhin gerne Musik hören und dabei auf entsprechend liebevoll zubereitete Konserven zugreifen, können immerhin wir Musikanten auch weiterhin in fleissiger Heimarbeit Aufnahmen von unserem Schaffen anfertigen und euch diese dann auch – freudiger denn je – zugänglich machen.

Es grüßt euch, erleichtert, um viele Worte …

euer Martin