Entfremdung

Soeben habe ich einen Radiobeitrag auf Bayern 2 gehört, der auf sehr eindringliche Art das thematisiert, was mir dieser Tage immer öfter durch den Kopf geht.

Das Gefühl, dass wir zunehmend am eigentlichen Leben vorbei leben, dass wir getrieben von den neuen Gesetzen unserer Zeit, immer ein bisschen hinterher und quasi Statisten im großen Spiel einiger weniger sind, kennen wahrscheinlich viele. Der Druck wird immer stärker, paradoxerweise auch durch die täglich vielfältiger werdenden Möglichkeiten, “unsere eigenen Entscheidungen” zu treffen, auf Dinge und Vorgänge Einfluß zu nehmen, teilzuhaben, mitzureden.

In Wahrheit bleibt ein Gefühl zurück, das eigentliche Leben fände bei den anderen statt, man selbst sei schlicht zu träge, zu langsam, zu unflexibel oder unfähig, all diese Möglichkeiten zu nutzen. Die Verbindung nach draußen passiert online, “analoge” Erlebnisse wie ein ganz normales Naturerlebnis (z.B. ein Waldspaziergang) müssen dokumentiert und publiziert werden, sonst haben sie ja quasi gar nicht stattgefunden. Gleichzeitig verliert aber der “echte” Kontakt mit Menschen, Natur, den Elementen, dadurch an Intensität und Bedeutung.

Diese Gedanken sind nicht neu und wurden in Philosophie und Soziologie oftmals besprochen. Unter dem Begriff “Entfremdung” haben sich darüber schon Generationen von klugen Köpfen dieselben zerbrochen.

Der Radiobeitrag bringt da vieles auf den Punkt und macht ein paar Schubladen auf, in die mal hineinzuschauen sich lohnt, finde ich.

Zur Zeit häufen sich ja die Publikationen, in denen davor gewarnt wird, dass wir durch die scheinbare Kontrolle über immer mehr Details unseres Lebens und unserer Umwelt, durch allerlei “intelligente” Gerätschaften und Apps, in Wahrheit diese Kontrolle zunehmend aus der Hand geben, was ein diffuses Gefühl der Machtlosigkeit hinterläßt.

Noch glaube ich allerdings daran, dass ich immer noch eine Wahl habe und wann immer ich bewusst eine solche treffe, irgendetwas NICHT brauche, mache, kaufe oder “nutze” (und sei es, dass ich auch ohne App einen Tisch in einem Lokal finde, von dem ich vorher keine Bewertung gelesen habe), wird dieses Gefühl der Machtlosigkeit ein bisschen kleiner.

In der Musik sind die spannendsten Töne oft die, die nicht gespielt werden …..

 

Euer Martin