Blick nach innen – Blick nach draußen

Liebe Freundinnen und Freunde meiner Musik und meiner Gedanken,

es ist nun mehr als ein halbes Jahr her, daß ich mein letztes Konzert gespielt habe – zusammen mit Werner und Pippo, als unsere SÜDEN-Tour ein jähes Ende gefunden hat. So lange war ich noch nie, seit ich Musiker bin, der Bühne fern. Und obwohl ich gestehe, daß ich ziemlich gut darin bin, dieser seltsamen Situation möglichst viel Gutes abzugewinnen, kann ich nicht leugnen, daß diese erzwungene Abstinenz (manche Kollegen gehen soweit, den Begriff “Berufsverbot” zu benutzen – das möchte ich nicht, weil es nicht der Wahrheit entspricht, im Ergebnis kommt es der Sache aber recht nahe) etwas mit mir macht.

Klar, ich kann mich wunderbar beschäftigen, mit allerlei Instrumenten (… hab schon wieder ein neues, eine griechische Laute!), mit Radfahren, Kochen, Lesen und nochmal Lesen. Ich habe den Blick nach innen gewandt, vieles betrachtet und erspürt, habe das in Klang umgewandelt und in langen Wochen ein neues Album eingespielt. Aber zunehmend blicke ich auch wieder nach außen, versuche zu verstehen, was um mich herum vorgeht und warum der Eindruck immer stärker wird, daß “wir” (damit meine ich unsere Gesellschaft im Kleinen wie im ganz Großen) immer mehr auf eine Art Klimax hinsteuern.

War es vor Jahresfrist noch hauptsächlich das Klima, das ganz unbestimmte, unterbewusste Ängste ausgelöst hat, wurde dieses Thema jetzt von einem Virus abgelöst, der nahezu alles zu bestimmen scheint. Die Probleme, die zu lösen eigentlich dringendstes Ziel sein sollten, sind in den Hintergrund gerückt, was ihre Dringlichkeit nur noch intensiviert. Im Vordergrund steht jetzt eine Art globaler Ausnahmezustand, über dessen Berechtigung auf eine Art gestritten wird, die wenig Hoffnung auf Konsens macht, sondern eher eine tiefe Spaltung unserer Gesellschaft(en) befürchten läßt, was wiederum die Lösung von Problemen, die inzwischen – und das ist ziemlich unumstritten – nur noch gemeinsam, überregional und übernational gelöst werden können, noch unwahrscheinlicher werden läßt.

Mitten drin stehe ich und frage mich, wo da mein Platz sein kann, mit dem was ich tue, mit dem was ich kann.

Nun, da ist natürlich eine große Sehnsucht wieder Konzerte zu geben, in dem Rahmen und unter den Bedingungen, die eben gerade möglich sind. Auch wenn ich noch nicht weiß, wie es sich anfühlen wird, möchte  und werde ich es ausprobieren und bin allen Unermüdlichen und Unerschrockenen in unserer Musikanten- und Veranstalterwelt sehr dankbar, die dafür gekämpft haben daß es nun zunehmend doch wieder Möglichkeiten gibt, “richtige” Musik zu spielen und zu hören.

Denn ich glaube schon, daß Musik und Kunst im allgemeinen einen essenziellen Beitrag dazu leitsen können, das Unerklärbare zu begreifen, zu erfassen, daß in uns und zwischen uns weit mehr passiert, als Worte sagen können.

Gerade jetzt merken wir, wie sehr wir einander brauchen, Begegnungen, Nähe, Gespräche von Angesicht zu Angesicht, Mimik und Gestik, all das was momentan nur sehr eingeschränkt möglich ist. Wir merken, daß wir emotional verdursten, wenn der Austausch unter uns auf die rein funktionale, technische, auf das Nötigste reduzierte Ebene begrenzt wird.

Wir brauchen die Absichtslosigkeit der Schönheit, wie wir sie in der Kunst finden. Wir brauchen die Zufälligkeit eines Moments, wie wir ihn in der Musik, in einem Konzert erleben können. Wir brauchen die scheinbare Sinnlosigkeit von Dingen, die zu nichts “nutze” sind – außer dazu, unser Herz zu erfreuen.

Doch gegen all das steht die Angst.

Zum Einen die ganz nachvollziehbare Angst vor Krankheit und Tod, die uns aber nicht blind werden lassen darf für die Mechanismen, die immer schon in Gang gekommen sind, wenn Menschen versuchen, aus der Angst anderer Kapital zu schlagen.

Zum Anderen die ebenfalls nachvollziehbare Angst, genau in diesen Menchanismen gefangen zu sein. Gesteuert, kontrolliert und manipuliert zu werden. Ein Zustand übrigens, der viele Menschen in ihren digitalen Lebensgewohnheiten bisher wenig gestört hat, der nun aber tausende auf die Straße bringt, um ihren diffusen Verunsicherungsgefühlen Ausdruck zu geben.

So entstehen zwei Fronten der Angst und des Misstrauens, zwischen denen der Raum für das Unsagbare, das Mehrdeutige, das Absichtslose kaum mehr Platz findet.

So wünsche ich mir Momente des Stillstands, des Innehaltens, des Betrachtens und Nicht-Bewertens. Zustände des ohne Angst Geschehen-Lassens, des Zuhörens, des Verstehen-Wollens.

Nichts erklären müssen, nichts behaupten müssen, nichts begründen müssen.

All das finde ich nach wie vor in der Musik und deshalb freue ich mich auf die Gelegenheiten, bei denen ich das mit anderen wieder teilen kann. Am besten mit euch ….

 

Herzlich

euer Martin